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Sexualpsychologie

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Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen (Dorsch, 1994; Pschyrembel, 1994; Ansgar, 1999). Sexualpsychologie ist die Wissenschaft vom sexuellen Erleben und Verhalten des Menschen. 

Da die Psychologie Anfang des 20 Jahrhunderts noch nicht eigenständig akademisch bzw. universitär etabliert war, waren die ersten Sexualforscher so gut wie ausschließlich Mediziner und Philosophen, die ihre natur- und geisteswissenschaftliche Herkunftssichtweise um die sozio­logische und psychologische Perspektive erweiterten, wofür sie nahezu sämtlich ins Abseits der damaligen etablierten Hochschulmedizin gerieten. 

Dies betraf so gut wie alle wesentlichen Fachvertreter, welche sich um die Gründung der Sexualwissenschaft verdient gemacht haben, wie beispielsweise Havelock Ellis („Studien zur Psychologie der Sexualität“, 1897), der zwar Medizin studiert, aber niemals als Arzt gearbeitet hatte. Ebenso wie Sigmund Freud („Entwurf einer Psychologie“, 1895; „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905), der als Nervenarzt arbeitete, aufgrund seiner Schriften aber großen Anfeindungen seitens der etablierten Hochschulmedizin und ärztlichen Fachgesellschaften ausgesetzt war. Auch der Psychiater Arthur Kronfeld („Sexualität und ästhetisches Empfinden in ihrem genetischen Zusammenhang“, 1906; „Über die psychologischen Theorien Freuds und verwandte Anschauungen“, 1912) engagierte sich für die „Neue Richtung“ genannte psychologisch-psychotherapeutisch orientierte Bewegung in der gesamten damaligen Medizin mit intensiver Publikations-, Lehr- und Herausgebertätigkeit. Nachdem er 1919 gemeinsam mit Magnus Hirschfeld das ersten (extrauniversitäre) Institut für Sexualwissenschaft in Berlin – Tiergarten gegründet und dort gearbeitet hatte, ließ er sich 1926 in einer eigenen Praxis im Bereich des südlichen Tiergartens nieder und habilitierte sich 1927 für Psychiatrie und Nervenheilkunde bei Karl Bonhoeffer mit einer Arbeit über die fundamentale Rolle der Psychologie in der Psychiatrie, so dass Kronfeld 1927 als „Vermittler einer Anschauungsweise, die nicht mehr ignoriert werden darf“ (Gustav von Bergmann in seinem Habilitationsgutachten) der erste, wegen seiner psycho­therapeutischen Qualifikation bestallte Dozent der Charité und damit in Deutschland wurde  (http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Kronfed, 2012). 

Aber auch und vor allem Magnus Hirschfeld selbst sah sich aufgrund seines sexual­wissenschaftlichen Engagements zeitlebens Vorbehalten und Ressentiments seitens der etablierten Hochschulmedizin und ärztlichen Fachgesellschaften ausgesetzt und kämpfte unter anderem mit der Begründung des ersten (extrauniversitären) Institut für Sexualwissenschaft in Berlin – Tiergarten (1919) für eine multidisziplinäre Sexualkunde, Sexualaufklärung und Sexualreform. 


Buchdeckel Hirschfeld, Homosexualität, 1920


Als programmatischer Begründer der Sexualwissenschaft kann sicherlich der Hautarzt Ivan Bloch angesehen werden, der in seinem maßstabsetzenden Werk „Das Sexualleben unserer Zeit“ (1906) über sich schreibt, dass er in seiner Beschäftigung mit den Problemen des Sexuallebens „... nicht bloß vom Standpunkt des Arztes, sondern auch von dem des Anthropologen und Kulturhistorikers betrachtet, in der Überzeugung, dass eine rein medizinische Auffassung des Geschlechtslebens, obgleich sie immer einen Kern der Sexualwissenschaft bilden wird, nicht ausreiche, um den vielfältigen Beziehungen des Sexuellen zu allen Gebieten des menschlichen Lebens gerecht zu werden. Um die ganze Bedeutung der Liebe für das individuelle und soziale Leben und für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu würdigen, muss sie eingereiht werden, in die Wissenschaft vom Menschen überhaupt, in der uns zu der sich alle anderen Wissenschaften vereinen, die Biologie, die Anthropologie, die Philosophie, die Psychologie, die Medizin, die Geschichte der Literatur und diejenige der Kultur in ihrem ganzen Umfange.“(Bloch I., 1906).

Hieran wird erkennbar, dass Bloch das bio-psycho-soziale Paradigma der modernen Lebens-, Human- und Gesundheitswissenschaften er- und verfasst hatte, lange bevor dieses erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts weitere Verbreitung erfuhr.

Bloch, Sexualleben, 1906

Die Sexualpsychologie zählt also zur multidisziplinären Entstehungsgeschichte der Sexual­wissenschaft seit Beginn der 20. Jahrhunderts und war bereits seit dieser Zeit Gegenstand eigener fachwissenschaftlicher Forschung und Lehre. So existierte bereits 1918 (zeitgleich zur Gründung des ersten (extrauniversitären) Instituts für Sexualwissenschaft durch Magnus Hirschfeld in Berlin - Tiergarten) ein „Sexualpsychologisches Seminar“ unter der Leitung von Wilhelm Liepmann an der „Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (heute Humboldt-Universität zu Berlin), in welchem sexualpsychologische Forschungsprojekte durchgeführt und Publikationen heraus­gegeben wurden (Liepmann W. 1920, Hartoch W. In: Liepmann W. & von Hauff W. 1924).


Liepmann, Sexualpsychologie der Frau, 1920


Hartoch, Homosexualität, Einband, 1924


Auch aufgrund der Tatsache, dass die ersten Sexualforscher so gut wie ausschließlich Ärzte waren, stand vom Beginn der Sexualwissenschaft an auch und vor allem die klinische Perspektive menschlicher Sexualität im Mittelpunkt. Hier ging es zunächst vor allem um sexualmedizinische Erkrankungen und / oder Fehlbildungen der Geschlechtsorgane, sexuell übertragbare "Haut- und Geschlechts-Krankheiten", Störungen der Geschlechtsidentität oder auch um Homosexualität als Krankheit. Im Weiteren rückten aber auch die Störungen des sexuellen Erlebens und Verhaltens in das Interesse des Faches, also die Perspektive der Klinischen Sexualpsychologie, die Gegenstand eigener Untersuchungen und Publikationen wurde (Sexualpsychologe - Allgemeine Bemerkungen zur Psychologie des menschlichen Geschlechtslebens, Rohleder, 1921).


Rohleder, Sexualpsychologie, Einband, 1921


Rohleder, Sexualpsychologie, Innentitel, 1921


Marcuse führt hierzu 1926 in seinem „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft“ aus: „Neben der Entwicklungsgeschichte der Sexualwissenschaft zu einer konstitutionsbiologischen Disziplin, … lief eine zweite eigenständige Entwicklungslinie, diejenige der Sexualpsychologie. Die beschreibende und vergleichende Psychologie der menschlichen Geschlechtlichkeit stellte sich zunächst als Kind der experimentellen und angewandten Psychologie dar. … Die genetisch-dynamische Fragestellung Freuds und seiner Schule hat uns schließlich eine wirkliche Sexualpsychologie von noch unabsehbarer Anwendungsbreite gebracht. Diese Sexualpsychologie stützt sich auf anthropologische Grundlagen und wird durch diese selbst gestützt“.


Marcuse, Handwörterbuch der Sexualwissenschaft, 1926


Zum Zeitpunkt der Verfassung seines „Handwörterbuchs der Sexualwissenschaft“ verzeichnet Marcuse „an den gesamten deutschen Hochschulen zwei (!) Lehraufträge für Sexualpsychologie“ (Marcuse, 1926). Unter anderem gehörte dazu das „Sexualpsychologische Semniar“ von W. Liepmann und W. Von Hauff an der Berliner Universität, aus welchem seit 1924 in der Schriftenreihe „Arbeiten aus dem sexualpsychologischen Seminar“ zu den verschiedensten biologischen, soziologischen, philosophischen, ja sogar theologischen Fragestellungen sexualpsychologische Studien herausgegeben wurden (Liepmann W. & von Hauff W., 1924).


Hartoch, Homosexualität, Innentitel, 1924


Literatur

Ansgar R. et al. (Hrsg.) (1999) Handwörterbuch Psychologie. Beltz: Weinheim.

Aresin L. (Hrsg.) (1990): Lexikon der Humansexuologie. Verlag Volk und Gesundheit: Berlin. 

Basitn G. (Hrsg.) (1972): Wörterbuch der Sexualpsychologie. Verlag Herder: Freiburg. 

Bornemann E. (Hrsg.) (1968): Lexikon der Liebe und Erotik. Paul List Verlag: München.

Bühl, Wolfgang (1972): Geschlechtswesen Mann. Tatsachen und Theorien zur Sexualpsychologie. 

Dorsch F (Hrsg.) (1994) Psychologisches Wörterbuch. Hans Huber: Göttingen.

Dunde S. R. (Hrsg.) (1992): Handbuch Sexualität. Deutscher Studien Verlag: Weinheim.

Giese H. (Hrsg.) (1952): Wörterbuch der Sexualwissenschaft. Instituts-Verlag: Bonn.

Haeberle J. E. (1985): Die Sexualität des Menschen. Walter de Gruyter: Berlin.

Haeberle J. E. (2005): Atlas Sexualität. Deutscher Taschenbuch Verlag: München.

Hertoft P. (1993): Sexologisches Wörterbuch. Deutscher Ärzteverlag: Köln.

Hertoft P. (1989): Klinische Sexologie. Deutscher Ärzteverlag: Köln.

Klien H. (1954): Fremdwörterbuch. Bibliographisches Institut Leipzig. Druckhaus: Leipzig: 

„Sexualpsychologie: Wissenschaft von der Erforschung des sexuellen Triebe und Empfindungen“.

Kronfeld, Arthur (1906) Sexualität und ästhetisches Empfinden in ihrem genetischen Zusammenhang. Singer, Straßburg und Leipzig (Verlag von Josef Singer, Hofbuchhandlung).

Kronfeld, Arthur (1912) Über die psychologischen Theorien Freuds und verwandte Anschauungen. Engelmann-Verlag, Leipzig (Extradruck; Übers.: Moskau 1913).

Liepmann W. (1920): Sexualpsychologie der Frau – Versuch einer synthetischen und  sexualpsychologischen Entwicklungslehre in zehn Vorlesungen. Urban & Schwarzenberg, Berlin. 

Liepmann W. & von Hauff W. (1924): Sexualpsychologische Studie zur Homosexualität. Arbeiten aus dem sexualpsychologischen Seminar. Marcus & Webers Verlag: Bonn.

Marcuse M. (1926): Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. Walter de Gruyter: Berlin.

Peters U. H. (Hrsg.) (1994): Wörterbuch der Medizinischen Psychologie. Urban & Sch.: München.

Pschyrembel (Hrsg.) (1994): Klinisches Wörterbuch. Walter de Gruyter: Berlin.

Pschyrembel (Hrsg.) (2003): Wörterbuch Sexualität. Walter de Gruyter: Berlin.

Rohleder H. (1921): Sexualpsychologie. Paul Hartung Berlag: Hamburg.

Selg H. Et al. (Hrsg.) (1979): Psychologie der Sexualverhaltens. Kohlhammer: Stuttgart.

Sigusch V. (2008): Geschichte der Sexualwissenschaft. Campus Verlag: Frankfurt.

Sigusch V. (2009): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag: Frankfurt.